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Märchen modern

                phase abgegeben wurde. Zur Erhoehung ihrer Aktivierungsenergie hatte sich
                die Grossmutter auf einem sonst zu Reacrationszwecken des menschlichen
                Koerpers dienenden Gestell ausgebreitet. Die Mutter entnahm ihrer
                Chemikaliensammlung einige Flaschen mit Reagenzien , die geeignet waren, die
                schaedlichen bakteriellen Stoffwechselprodukte nebst ihren Praeparatoren aus der
                Grossmutterlauge auszufaellen. Die Reagenzien verpackte sie bruchsicher in
                einem mit Holzwolle ausgekleidetem Traggestell und beauftragte Rotkaeppchen,
                dieses zur Grossmutter zu befoerdern, es ermahnend, nicht das durch silika-
                tische Gesteinsstuecke befestigte Wegesystem zu verlassen.
                Durch Anthocyaninfarbstoffe enthaltende Bluetenblaetter liess es sich doch in
                die Cellulose-Lignin-Chlorophylll-Vorraete links und rechts der Wege locken.
                Dort begegnete es einem entlaufenen Versuchstier des physiologisch-chemi-
                schen Institutes namens Wolf. Dieses pruefte eingehend die Reagenzien und
                erkundigte sich nach ihrem Verwendungszweck. Der Wolf, der nach einer
                Substanz suchte, um in seiner Verdauungsapparatur einen neuen Ansatz fahren zu
                koennen, kam auf den Gedanken, dazu Grossmutterfleisch als geeignetes
                Substrat zu verwenden. Er legte rasch den Weg zur Grossmutter zurueck. Da das
                Tier annahm, dass Grossmutterfleisch leicht oxydierbar sei, legte es auf
                schnelles Arbeiten wert und verwendete nicht wie bei frueheren Reaktions-
                ansaetzen die von ihm entwickelte Fleischzerkleinerungsapparatur, die nach
                ihrem Erfinder auch Fleischwolf genannt wird, sondern zwaengte die Grossmut-
                ter in einem Stueck in seinen Weithalskolben. Da sich der angreifenden Saeure
                jetzt nur eine geringe Oberflaeche bot, war die Reaktionsgeschwindigkeit na-
                tuerlich sehr niedrig, und der Wolf legte sich auf ein von vier Stativen ge-
                haltenes Liegegestell. Um Waermeverluste an die Umgebung zu vermeiden,
                isolierte er sich mit Kleidung und Federbett der Grossmutter. Das Rotkaeppchen,
                das bald eintraf, identifizierte den Wolf infolge zu oberflaechlicher
                Analysemethoden als Grossmutter. Es begann vorsichtig, den aliquoten Teil einer
                mitgefuehrten Reagenzloesung in den vermeintlichen Grossmutterhals einzupipet-
                tieren. Der Wolf, der wegen der Reaktionshemmung in seinem Magen dringend
                einen Katalysator benoetigte, glaubte diesen unter den Reagenzien zu
                erkennen und fuellte sie alle in sich hinein, einschliesslich Rotkaeppchen und der
                ganzen Flasche Barbitursaeurederivat, das der Grossmutter eigentlich als
                Schlafmittel haette dienen sollen.
                Zur Erklaerung dieses experimentellen Fehlers sei bemerkt, dass er mit
                sauberem praeparativen Arbeiten nicht vertraut war. Die danach zu erwartende
                Wirkung trat schnell ein. Der aufsichtsfuehrende Chemiker, der vom Institut
                ueber das Entlaufen des Versuchstiers informiert worden war, fand den Wolf
                in diesem Zustand vor. Durch starkes Stossen in der Bauchapparatur wurde er
                auf eine vorschriftswidrige Beschickung aufmerksam. Er oeffnete die Apparatur
                und konnte Grossmutter und Rotkaeppchen ziemlich intakt entnehmen.
                Sie waren kaum angeaetzt. Den Wolf, dessen Aussenwaende durch das starke
                Stossen schon Spruenge aufwiesen, zertruemmerte er vollstaendig und warf ihn
                auf den Abfallplatz. Die beiden isolierten Substanzen wurden durch die
                ploetzliche Lichteinstrahlung in einen angeregten Zustand versetzt. Die
                schuessige Energie wurde in Form von Translations-, Rotations- und
                Oszillationsbewegungen abgegeben. Der Vorfall wurde in einer Zuschrift an die
                Herausgeber von Grimms Annalen der Chemie veroeffentlicht.

                Rotkaeppchen fuer Computerfans

                Es war einmal ein kleines, suesses Maedchen, das immer ein Kaeppchen
                aus rotem Samt trug. Aufgrund dieses Attributes erhielt es ein Assign
                unter dem symbolischen Namen "Rotkaeppchen".
                Eines Tages sprach die Mutter: "Rotkaeppchen, die Gesundheit deiner
                Grossmutter hat einen Interrupt bekommen. Wir muessen ein
                Pflegeprogramm entwickeln und zur Grossmutter bringen, um das
                Problem zu loesen. Verirre dich jedoch nicht im Wald der alten Sprache,
                sondern gehe nur strukturierte Wege. Nutze dabei immer eine
                Hochsprache der vierten Generation, dann geht es der Grossmutter
                schnell wieder gut. Und achte darauf, dass dein Pflegeprogramm
                transaktionsorientiert ist, damit es die Grossmutter nicht noch mehr
                belastet."
                Da der Weg zur Grossmutter reentrant war, traf Rotkaeppchen den Wolf.
                Er tat sehr benutzerfreundlich, hatte im Background jedoch schon einen

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